So kam Rotary in die Schweiz: Wirtschafts- und Sozialpolitischer Hintergrund

Mittwoch, 8. Juli 2009
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Gaudenz Baumann, Rotary Club Aarau

Ganz am Anfang des 20. Jahrhunderts (1901) veröffentlichte der englische Verleger und Schriftsteller William Thomas Stead eine vielbeachtete Studie, die den weitsichtigen Titel trug: „The Americanization of the World or the Trend of the Twentieth Century“ (Die Amerikanisierung der Welt oder Der Trend des Zwanzigsten Jahrhunderts). Stead war – nebenbei bemerkt – auch vorausschauend, was sein eigenes Leben betraf: In den 80er-Jahren des 19. Jahrhunderts schrieb er eine Geschichte mit dem Titel „How The Mail Steamer Went Down in Mid-Atlantic“ (Wie das Postschiff mitten im Atlantik unterging). Darin stossen zwei Schiffe auf dem Atlantik zusammen, wobei viele Menschen ums Leben kommen, weil zu wenig Rettungsboote zur Verfügung stehen. Stead beschliesst seine Geschichte vom Schiffsuntergang mit der dramatischen Warnung: „Das ist exakt, was geschehen könnte und geschehen wird, wenn Passagierschiffe weiterhin mit zu wenigen Rettungsbooten in See stechen.“ Tödliche Ironie: Mit der „Titanic“, die auf ihrer Jungfernfahrt 2208 Passagiere an Bord hatte, ereilte ihn am 15. April 1912 genau jenes Schicksal, das er Jahre zuvor beschrieben hatte – er war einer der 1504 Passagiere, die sterben mussten, weil nicht genügend Rettungsboote zur Verfügung standen.

Das amerikanische 20. Jahrhundert

Im Rückblick ist unbestritten, dass Stead nicht nur dem Begriff „Amerikanisierung“, der in der 1830er-Jahren in Grossbritannien entstanden war und ab 1850 in ganz Europa Verbreitung fand, recht eigentlich zum Durchbruch verholfen hat, sondern auch seine diesbezügliche Voraussage eingetroffen ist. Jedenfalls behielt er Recht, als er die „Amerikanisierung der Welt“ als den wichtigsten „Trend des 20. Jahrhunderts“ prognostizierte – mehr noch: Das 20. Jahrhundert wurde in der Tat das Amerikanische Jahrhundert. In den vergangenen hundert Jahren führte kein Weg – weder politisch noch militärisch, weder ökonomisch noch wissenschaftlich oder kulturell – an Amerika vorbei. Auch Rotary ist ein typisches Kind dieses globalen amerikanischen Jahrhunderts – von seiner Struktur her ebenso wie von seinen Grundsätzen. – Rotary breitete sich im Windschatten Amerikas rund um den Erdball aus.

Der Zürcher Philosophieprofessor Georg Kohler (RC Zürich) schrieb nicht zufällig in einem NZZ-Artikel zum 100-Jahr-Jubiläum von „Rotarys Universalismus“, der Rotarier und Rotarierinnen zu einer „planetarischen Spezies“ mit „erdbürgerlich-selbstverständlichem Gastrecht“ werden liess, verbunden mit dem „Geist des American Credo“. Darunter versteht Kohler amerikanische Grundwerte wie „die Idee grösstmöglicher Horizontweite, der Blick zum Nächsten, die Achtung der Anderen als Freie und Gleiche und natürlich und buchstäblich die Selbstständigkeit der Einzelnen“. Auch wenn im zweiten Jahrhundert von Rotary die grössten Mitglieder-Wachstumsschübe in Europa und vor allem in Asien erwartet werden – es wird mit 50 Prozent asiatischer Mitglieder in den nächsten 20 Jahren gerechnet –, wird sich erst noch weisen müssen, ob Rotary ohne das „Amerikanische Credo“ seinen ursprünglichen Charakter wird beibehalten können und letztlich überlebensfähig bleibt.

Der Begriff „Amerikanisierung“ war von Anfang an mehrdeutig: In den USA selber meinte „Amerikanisierung“ die von den Eliten angestrebte kulturelle Vereinheitlichung einer Bevölkerung, deren Vielfalt und innere Zerklüftung durch Einwanderung im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts entschieden gesteigert worden war. Allein Amerikaner würden die „unteilbare“ Nation garantieren. Der bereits erwähnte Publizist Stead suchte mit dem Begriff „Amerikanisierung“ globale Entwicklungen zu charakterisieren. Er beobachtete kulturell-mentale und ökonomische, aber auch alltagspraktische Vereinheitlichungen. Der Trend zur Homogenisierung, so Stead, würde nicht nur die gesamte Welt erfassen, sondern verlange auch nach politischer Steuerung in den und durch die „English-speaking United States of the World“.

Ausserhalb der anglo-amerikanischen Welt besetzte der Begriff „Amerikanisierung“ immer sowohl positive als auch negative Elemente. Auffällig ist dabei, dass der Amerika-Diskurs nicht etwa eine Erscheinung des 20. Jahrhunderts war, sondern Jahrhunderte zurückreicht, wobei sich allerdings die grundsätzliche europäische Ratlosigkeit trotz scheinbar verkürzter Distanz zwischen den Kontinenten und einer wahren Sintflut von Informationen bis in unsere Zeit hinein nicht wirklich verändert hat.

„Amerika, du hast es besser“

Der 12. Oktober 1492 gilt als Tag der Entdeckung Amerikas durch Christopher Columbus. Vor dem Hintergrund misslicher Zustände in der damaligen Alten Welt hatten bereits knapp ein Vierteljahrhundert später, nämlich 1515, bei Thomas Morus in dessen Schrift „Utopia“ und dann auch im 17. Jahrhundert in Francis Bacons Buch „New Atlantis“ (1627) Vorstellungen von konfliktfreien Lebenswelten ihren heilsgeschichtlichen Phantasieort ganz weit westlich – jenseits des Atlantiks in der Neuen Welt. Analog zum 16. und 17. Jahrhundert trugen auch im 18. und 19. Jahrhundert Bilder der Neuen Welt die Züge eines „neuen Jerusalem“, eines „irdischen Paradieses“. „Amerika, du hast es besser“, lautete das Hochlied, das der Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe auf die Neue Welt anstimmte.

Allerdings fehlte es auch nie an negativen Gegenbildern: Heinrich Heine zum Beispiel kritisierte den Materialismus der Neuen Welt: „Der weltliche Nutzen ist ihre eigene Religion und das Geld ist ihr Gott, ihr einziger, allmächtiger Gott.“ Heine beschrieb Amerika anfangs der 1850er-Jahre als „Freiheitsstall“, in dem sich die „Gleichheits-Flegel“ tummelten.

(...)


Baumann Gaudenz:
"100 Jahre Rotary - Wie Rotary in die Schweiz kam"
3. Fassung, Juli 2009






Quellen:

Baumann Gaudenz:
„100 Jahre Rotary – Wie Rotary in die Schweiz kam“, Vortrag (Erstfassung), am 23. Februar 2005 im Rotary Club Aarau-Alpenzeiger

Bierling Stephan:
„Geschichte der amerikanischen Aussenpolitik – Von 1917 bis zur Gegenwart“;
Verlag C. H. Beck, München, 2003; 272 Seiten

Verlag Diner Dan:
Feinbild Amerika – Über die Beständigkeit eines Ressentiments“; PropyläenMünchen, 2002;
238 Seiten

Neue Zürcher Zeitung:
„Die Porsche-Dynastie in Bedrängnis“; 18. Juni 2009,
Nr. 138, Seite 23

Jaun Rudolf:
„Management und Arbeiterschaft – Verwissenschaftlichung, Amerikanisierung und Rationalisierung der Arbeitsverhältnisse in der Schweiz 1873 – 1959“;
Verlag Chronos, Zürich, 1986; 515 Seiten

Kohler Georg:
„Das Zahnrad und der Aufrechte Gang – Zum 100-Jahr-Jubiläum von Rotary“;
Neue Zürcher Zeitung, 5./6. März 2005, Nr. 54; Seite 17

Rivella Holding AG (Hrsg)
„Rivella und seine Geschichte – 50 Jahre Lebensfreude“; Rothrist 2001; 132 Seiten

„rotary“:
„100 Jahre Rotary International – Ein Grund zum Feiern“, Zeitschrift der Distrikt 1980/ 1990/ 200,
Februar 2005; 104 Seiten

Rotary Club Aarau:
Protokolle der Gründung (16. Juli 1927) und der Charterfeier (14. Januar 1928)

Rotary International:
Diverse Publikationen

Simmen Jean-Pierre:
Interview, „Aargauer Zeitung“, 28. Februar 2005,
Nr. 49; Seiten 2/3

Stead William Thomas:
„The Americanization of the World or The Trend of the Twentieth Century”,
London/New York 1902

Tanner Jakob:
„Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Schweiz 1914 – 1945“,
Vorlesung Wintersemester 2004/05, Universität Zürich

Türler Ulrich:
„Die Gründungszeit von Rotary aus der Sicht des Rotary Clubs Zürich“

Wilson Woodrow:
„Die neue Freiheit – ein Aufruf zur Befreiung“; Verlag Georg Müller, München, 1914; 225 Seiten

Dokumente im Anhang